Forschung

Peter Nathanielsz

Peter Nathanielsz ist Professor für Reproduktionsmedizin an der Cornell University im Bundesstaat New York.

Seit einigen Jahren haben Mediziner, Biologen und Psychologen die erste Lebensbehausung des Menschen neu entdeckt, als ein weitgehend unbekanntes, geheimnisvolles Forschungsobjekt. Was sie darüber herausfinden, ergänzt nicht nur das bisherige Wissen über die Frühstadien menschlicher Entwicklung, es liefert auch neue Antworten auf die klassische Frage: Was macht den Menschen zu dem was er ist? Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischem biologischem Erbe und Umwelteinflüssen?

Dabei gerät die immer noch verbreitete Auffassung ins Wanken, das es vor allem die Gene sind, die Körperkräfte, Intelligenz und Temperament bestimmen. (Siehe auch Forschung von Lipton) Der Mutterleib, so die neue Hypothese, ist ein bislang unbeachteter und völlig unterschätzter Umweltfaktor. Die Mutter bringe das Kind nicht nur zur Welt, sie “bestimme” auch mit darüber, ob und in welchem Umfang sich sein genetisches Potential entfalten kann, durch ihre Essgewohnheiten, ihren Lebenswandel, ihre Stimmungsschwankungen. “Sie können das schönste Genom der Welt haben, wenn die Einflüsse im Mutterleib negativ sind, kann ein ziemlich schlechtes Endprodukt dabei herauskommen”, sagt Peter Nathanielsz, Professor für Reproduktionsmedizin an der Cornell University im Bundesstaat New York. Nathanielsz ist einer der Pioniere des neuen Forschungsgebiets Fötale Programmierung und ein Freund prägnanter Vergleiche. “Die Sicherheit einer Boeing 747”, sagt er, “hängt schließlich auch nicht nur von den Zeichnungen der Ingenieure ab, sondern ebenso von der Qualität der verwendetetn Materialien und der Sorgfalt der Flugzeugbauer.”

Was eine negative “Programmierung” anrichten kann, erläutert Nathanielsz an einem besonders gründlich erforschten Befund: dem Zusammenhang zwischen Geburtsgewicht und Altersdiabetes. Wenn ein Baby bei der Geburt auffallend klein ist, dann liegt das häufig daran, dass die Mutter während der Schwangerschaft schlecht ernährt war oder gar Hunger litt. Im Mutterleib wächst der Mensch so schnell wie nie wieder im Leben. In den 40 Wochen vor seiner Geburt durchläuft er achtmal so viele Zellteilungszyklen wie in den 20 Jahren danach. Dirigiert wie von Zauberhand, differenzieren sich in den ersten Lebenswochen die Zellen, wandern zu ihren jeweiligen Zielen, formieren sich zu Muskeln, Nerven und Organen. Sie folgen dabei einer Art Drehbuch, das die Reihenfolge der Entwicklungsphasen genau festlegt, und zwar für jeden Menschen weitgehend gleich. Die “Zeitfenster” für die Bildung eines Organs oder einer Körperfunktion sind meist nur wenige Wochen oder Tage lang. Gerät in einer dieser kritischen Phasen der Nachschub an Nahrung über die Nabelschnur ins Stocken, hören die Zellen zu früh auf, sich zu teilen. Das betreffende Organ wird zu klein programmiert undzwar irreparabel. Zu kleine Organe, sagt Nathanielsz, müssen für das Neugeborene kein unmittelbarer Nachteil sein, solange es in einer Umgebung aufwächst, in der das Nahrungsangebot knapp ist. Doch ein Wechsel zu einem reichhaltigeren Speiseplan führt auf Dauer zu einer Überforderung der auf Sparflamme programmierten Organe. Das Betrifft die Nieren, die den Blutdruck mit regulieren, die Leber, die den Cholesterinhaushalt steuert, und schließlich die Bauchspeicheldrüse, die über die Produktion von Insulin den Blutzuckerspiegel regelt. Die Folgen der Überforderung sind Bluthochdruck, Arterienverkalkung und Diabetes. Die ersten, die auf diesen Mechanismus aufmerksam wurden, waren Epidemiologen. Sie sind so etwas wie die Detektive der Wissenschaft, denn ihre Erkenntnisse basieren weniger auf Experimenten als auf der akribischen Analyse von oft schwer zugänglichen Indizien: Geburtsregistern, Hebammentagebüchern, Krankenhausakten, Todesfallstatistiken.

Zitat aus GEO-Heft Nr. 7, Juli 2001

Vollständiger Artikel unter:http://www.geo.de