Gehör

Wie und was hört das Ungeborene im Mutterleib?

Der französische Professor Alfred Tomatis, Erfinder des sogenannten „Elektronischen Ohrs“, gelangte aufgrund intensiver Forschungen schon 1955 zu der Erkenntnis, dass die Töne über die Knochenvibrationen der Mutter an das Ohr des Babys gelangen. Das ist folgendermaßen zu verstehen: Unsere Knochen empfangen Schallwellen und diese bringen die Knochen zum Vibrieren, zum Schwingen. Im Innenohr werden diese Wellen von der Schnecke, auch Cochlea genannt, entschlüsselt.

Das Baby erlebt im Mutterleib eine ganze Palette oft lauter Geräusche. Der Ausdruck “Klangraum Mutterleib” beschreibt auf poetische Weise das Klangspektrum dieses lebendigen Universums, das sich in 4 Kategorien einteilen lässt:

  • Geräusche des Herz-Kreislaufsystems (Herzklopfen, Rauschen des Blutes)
  • Geräusche, die durch Körperbewegungen entstehen, vor allem durch Gehen.
  • Atemgeräusche und Stimme
  • Geräusche, die beim Trinken, Essen und bei der Verdauung entstehen (z.B. Schlucken, Darmgeräusche)

Diese Basisgeräusche haben tiefe Frequenzen und sind laut. Selbst für das Ohr eines Erwachsenen wären sie nicht ständig zu ertragen. Davor schützt sich das Ungeborene gleich zweifach: Zum einen müssen die Töne ja immer durch das Fruchtwasser, um ans Ohr zu gelangen, welches die tiefen Frequenzen aus den Tönen herauszufiltert. Zum anderen schützt es sich vor dieser Flut von Geräuschen, indem es sein Ohr für alle Frequenzen unter 2000 Hertz “psychisch” verschließt. Es klammert die tiefen Frequenzen aus seiner Wahrnehmung aus und verhindert so eine Schädigung.

Dr. Tomatis sagt: “Das Charakteristikum des Ohres ist nicht, alles zu hören, sondern zu wissen, was es hören muss”.

Zuviel Lärm ist schädlich

Lärm schaltet das körpereigene Alarmsystem ein. Deshalb unser Tipp: vermeiden Sie laute Umgebung und Lärmbelästigungen. Die Blutgefäße verengen sich, die Durchblutung wird verringert. Das bewirkt Sauerstoffmangel, Stress und im Extremfall Schmerzen für das Ungeborene.

Der kleine Körper kann ins Beben geraten und uns sein Missfallen mit kräftigen Tritten zeigen:

Ute wohnt in einer ländlichen Gegend und geht jedes Jahr zum Schützenfest - das gehört sich schließlich so. Und jedes Jahr spielt die Vereinskapelle lautstark im Bierzelt. Auch in diesem Jahr. Ihre Schwangerschaft war kein Grund für sie, nicht mitzufeiern. Zwar nur mit Orangensaft, aber das machte nichts. Für sie war ohnehin die Stimmung wichtig und dass sie mal wegkam vom alltäglichen Trott. Das sah ihr “Untermieter” aber ganz anders. Als die Märsche immer lauter und tiefer und die Töne immer falscher wurden, hatte er genug. Er stieß ununterbrochen so kräftig gegen ihre Bauchdecke, dass Ute erschrocken das Zelt verließ. Erst als sie sich in einiger Entfernung auf eine Bank setzte und über ihren Bauch streichelte, ließen die heftigen Stöße nach. Ihr Baby hatte sich bemerkbar gemacht, es hatte ihr gezeigt, dass es sich nicht wohlfühlte und Ute hat darauf reagiert.

Die Schnecke, das eigentliche Hörorgan im Innenohr

Technisch gesehen liegen die (Körper)-geräusche von innen und außen bei unter 2000 Hertz, alle hohen Töne wie z.B. die Mutterstimme, liegen in einem Bereich bis zu 9000 Hertz. Die Dichter haben sich nicht getäuscht, wenn sie das Becken der Frau mit einer Geige verglichen, denn beide verstärken die hohen Töne. Auch wir hören uns, wenn wir sprechen oder singen über die Knochenleitung. Aus diesem Grund empfinden wir auch unsere Stimme, wenn sie von einem Tonband zu hören ist, ziemlich ungewohnt und fremd, weil sie dann über die Luftleitung, also ausschließlich über den Gehörgang in uns eindringt.

Ein Baby hört die ersten 10 Tage nach der Geburt noch über die Knochenleitung. Es hört gewissermaßen noch über seinen Körper und nimmt die Töne noch immer wie im Mutterleib wahr. Das tut ihm in einer Welt, die ihm noch fremd ist, sicher gut. Erst nach dieser Eingewöhnungsphase entleert sich das Fruchtwasser aus dem Mittelohr, und somit wird der Weg frei für das Hören durch die Luftleitung über das Außen- und Mittelohr. Man kann hier von einer regelrechten “akustischen Geburt” sprechen. In dieser Zeit empfiehlt es sich, ganz behutsam mit dem Baby umzugehen, um ihm den akustischen Start zu erleichtern. Professor Tomatis spricht in diesem Zusammenhang von Kindern, die während dieses prägenden Zeitraumes durch akustische Reize so verwirrt wurden, dass das Ohr sich psychisch wieder verschloss und sie weiterhin noch über die Knochenleitung hörten.