Wirkung der Musik

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Von außen dringen nur sehr wenige Geräusche und Klänge durch die Bauchwand des Unterleibes. Sie werden vielmehr über das Hörsystem der Mutter, die Resonanzräume und ihre Knochenleitungen zum Kind geleitet: Über die Hirnschale, die Wirbelsäule und das Becken. So wird auch die Stimme des Vaters, vor allem, wenn die Mutter zärtlich auf sie hört, zum Kind gelenkt. Auch Musik, welche die Mutter mag, wirkt auf diese Weise. Aber was nimmt das Kind von all dem wahr?

Das Innenohr, welches die Klänge untergliedert und zum Gehirn leitet, ist um den fünften Monat herum ausgereift. Ab diesem Stadium hat der Forscher Jean Feijoo starke Reaktionen des Kindes beobachten können, als er mit dem Fagott Motive aus Peter und der Wolf in Richtung des mütterlichen Leibs gespielt hat. Die Mutter hat sich bei anderer sanfter Musik entspannt und die Fagott-Klänge nicht erwartet. Die Reaktionen des Fötus deckten sich mit den ihren.

Doktor Tomatis hat gezeigt, dass das Kind bereits Geräusche wahrnimmt, bevor das Ohr funktioniert. Er führt den Fall der kleinen Odile an, die allmählich ihren Autismus, unter dem sie litt, zu überwinden begann und sich jedes Mal ein bisschen mehr öffnete, wenn man mit ihr Englisch sprach. Es schien, dass nichts diese Tatsache erklären konnte. Das Rätsel löste sich, als sich die Mutter daran erinnerte, dass sie zu Beginn der Schwangerschaft, d.h. bevor das Ohr von Odile herangereift war, in einer Import-Export-Firma gearbeitet hatte, wo sie nur Englisch sprach. Natürlich konnte Odile die Worte in der englischen Sprache nicht verstehen, aber sie hat den Rhythmus, die Melodie und die Hertzfrequenz dieser Sprache, die sich um 12000 Hertz bewegt, wahrgenommen, registriert und beruhigende Erinnerungen mit diesen Eindrücken verbunden.

Seit der embryonalen Phase erhält das entstehende Lebewesen klangreiche Schwingungen über die rezeptorischen Zellen seiner Haut, seiner Muskeln und seiner Gelenke. Aber von dem Moment an, wo sein Ohr zu funktionieren beginnt, filtert es die Eindrücke so, dass nur noch die heftigsten Reize über die rezeptorischen Zellen weitergeleitet werden. Dieses Schutzsystem gegen die inneren Geräusche des mütterlichen Organismus, welche Tag und Nacht andauern, ist unerlässlich. Ohne diesen Schutz würde der Fötus nie zur Ruhe kommen.

Marie-Luise Aucher, Sängerin und Stimmbildnerin, hat sehr interessante Feststellungen in den Familien ihrer Schüler gemacht, die professionelle Sänger waren und täglich zu Hause übten. Diejenigen Mütter, die Sopranistinnen waren, hatten allesamt Kinder, bei denen der obere Körperteil außerordentlich fein entwickelt war. Die Greifbewegung, bei der sich der Daumen von den anderen Fingern abspreizt, zeugte von einer sehr frühreifen und äußerst feinen sensomotorischen Koordinationsfähigkeit.

Andererseits zeigten die Kinder von Bassisten bei der Geburt eine ausgeprägt gute Entwicklung der unteren Körperpartien auf. Diese Kinder machten bereits sehr früh ihre ersten Schritte. Was jedoch sehr viel mehr erstaunt, als eine vergängliche Frühreife, ist die Tatsache, dass diese Kinder ihr Leben lang unermüdliche Fußgänger geblieben sind. Um diese Phänomene zu verstehen, hat Marie-Luise Aucher in mehreren Pariser Universitäten und Krankenhäusern mit Professoren aus verschiedenen Fakultäten zusammengearbeitet. Zu ihrer Überraschung haben sie gemeinsam festgestellt, dass die Töne der Tonleiter auf dem menschlichen Körper die sogenannte Gouverneurs-Linie (ein den Akupunkteuren gut bekannter Meridian) zeichnet.

Von anderen Forschungen weiß man, dass jeder Ton in Schwingungsresonanz mit einem Wirbel und dem ihm entsprechenden sympathischen Ganglienpaar steht. Wenn einer dieser Energie- oder Nervenpunkte stimuliert wird, wird die gesamte Region, mit der er verbunden ist, gleichzeitig stimuliert. Das ganze Nervensystem - einschließlich des Gehirns - wird aktiviert. Doktor Tomatis nennt das Ohr einen Dynamo für das Gehirn.

Aus diesen Beobachtungen und Studien haben Marie-Luise Aucher und der Gynäkologe Dr. Michel Odent Schlussfolgerungen für die Praxis gezogen: In den Geburtshilfestationen von Pithiviers Frankreich) und teilweise von Paris und Rouen, um nur einige zu nennen, singen Väter, Mütter, Geschwister, aber auch die Ärzte, die Hebammen und Säuglingsschwestern Lieder im Chor, um zwischen dem medizinischen Personal und den werdenden Eltern, vor allem den Müttern, ein freundschaftliches und beinahe familiäres Klima zu schaffen, welches die Geburt enorm erleichtert. Marie-Luise Aucher sagt: Dieser gemeinsame Gesang verbessert den Allgemeinzustand der Mütter ungemein, die nun kräftigere und ausgeglichenere Kinder gebären, deren obere und untere Körperhälfte gleichmäßig entwickelt sind, die zufrieden sind und sich leicht in neuen Situationen zurechtfinden – was ein Zeichen einer ausgeglichenen Psyche ist, eine Eigenschaft, die in der heutigen Welt sehr nützlich ist.

Schon lange hat Doktor Tomatis behandlungsbedürftige Kinder oder auch Erwachsene, die in Schwierigkeiten gekommen waren, wieder ins Gleichgewicht gebracht, indem er sie die durch Wasser gefilterte Stimme ihrer Mutter hören ließ, d.h. die Stimme so präparierte, wie sie von den Personen im Mutterleib durch das Fruchtwasser hindurch wahrgenommen worden war. Diese Rückkehr in das vorgeburtliche Stadium erlaubt es einem Patienten, einem großen oder kleinen, an seinen ursprünglichen Problemkomplex heranzukommen und eine normale Entwicklung aufzunehmen.

Was ist eine Frühgeburt? Ein vor der fertigen Reife entwurzelter Fötus. Er ist gezwungen, in einem anderen Milieu zu leben, als in dem, wo er sich normalerweise weiterentwickeln könnte – und dies mit der „körperlichen Ausrüstung“, die erst seinem pränatalen Alter entspricht. Mehr noch als andere Neugeborene, ist er auf die Anwesenheit seiner Mutter angewiesen. Da aber aus verschiedenen Gründen diese häufige Präsenz ungenügend, ja sogar unmöglich ist, entwickelte Doktor Couronne (Chefarzt in Metz) das sogenannte „Cordon ombilical sonore“ (Klingende Nabelschnur): Er verlangt von den Eltern, dass sie eine Kassette vorbereiten, auf der zu 50% die mütterliche Stimme, zu 30% die väterliche Stimme und 20% sanfte Musik aufgenommen sein soll. Die Eltern sollen frei und herzlich mit ihrem Kind sprechen. Ein kleiner Kassettenrecorder, der im Brutkasten des Kindes installiert wird, spielt dem Kind diese Kassette eine halbe Stunde täglich außerhalb der Pflegezeit ab. Man sieht nun, wie sich das kleine Gesicht zu einem Lächeln verzieht, wie sich das Kind entspannt und es langsam und friedlich einschläft. Das Kind befindet sich in einer liebevollen und sicheren Atmosphäre. Erste Untersuchungen haben ergeben, dass diese Frühgeborenen, wenn sie krank sind, viel schneller gesunden und sich viel besser entwickeln als diejenigen, die von diesem „Cordon ombilical sonore“ nicht profitieren konnten. Die Eltern, die sich sehr oft schuldig fühlen, weil die Schwangerschaft nicht zeitgerecht beendet werden konnte, können sich auf diese Weise um ihr Baby kümmern. Sie verlieren außerdem den ständigen Eindruck, dass das Klinikpersonal ihr Kind „an sich genommen" habe und sie nur als Teil-Eltern angesehen würden. Die Beziehung zwischen dem Personal und den Eltern verbessert sich außerordentlich. Das sind alles Dinge, welche die Wiederaufnahme der Bindung zwischen den Eltern und dem Kind erleichtern. Man wird sehen, dass dies sehr wichtig für eine ausgeglichene Zukunft des Kindes ist. Die Kosten hierfür? Lediglich eine Kassette! Diese Methode etabliert sich allmählich in anderen Geburtshilfestationen in Frankreich und auch in Oslo.

Erinnern wir uns an die singenden Geburtshilfestationen, von denen wir gesprochen haben. Das ist etwas, was an allen Geburtsorten umsetzbar ist und das man vielleicht zu Hause fortsetzen kann, als Paar oder in der Familie. Dann ist das häufige Anhören einer sanften, harmonischen Musik durch die Mutter - und das Kind - eine Wohltat für den einen wie den anderen.

Boris Brot, der Konzertmeister eines amerikanischen Orchesters, ist eines Tages im Fernsehen interviewt worden. Man wollte von ihm wissen, woher seine Liebe zur Musik stamme. Er antwortete, dass diese Vorliebe bereits seit vor seiner Geburt in ihm sei. Als er bestimmte Werke das erste Mal einstudierte, konnte er sich bereits die Fortsetzung der Violincello-Partie vorstellen, bevor er das Notenblatt umgeblättert hatte. Dieses Phänomen konnte er sich nicht erklären. Er erzählte eines Tages seiner Mutter davon, die ganz „zufällig“ Cellistin ist! Sie erinnerte sich an die Werke, die sie gespielt hatte. Die Stücke, die ihr Sohn auswendig kannte waren diejenigen, die sie während ihrer Schwangerschaft studiert und immer wieder geübt hatte.

Dies beweist uns, dass es eine präzise innere Aufzeichnung und eine lange anhaltende Erinnerung gibt. Rubinstein, Yehudi Menuhin und Olivier Messiaen haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Und wenn man Mozart fragen könnte?

Niemand würde es wagen, einer werdenden Mutter, die während ihrer Schwangerschaft viel singt und Musik hört zu versprechen, dass sie einen Komponisten, einen Virtuosen, eine Sängerin gebären werde. Sie kann aber sicher sein, dass sie ein Kind haben wird, das für die Musik empfänglich sein wird. Außerhalb von möglichen Kompetenzen im musikalischen Bereich wird sie dem Kind die Liebe zur Musik schenken. Diese Bereicherung wird das Kind während seines ganzen Lebens begleiten.

Aber das entstehende Lebewesen erwirbt nicht nur Erfahrungen, die es über die Sinne aufgenommen hat, sondern es speichert in seinem Zellgedächtnis auch Gefühlseindrücke, die es von seiner Mutter erhält.